Lenker eines Mountain Bike im Gegenlicht

Geschichten für Filme schreiben – warum schöne Bilder alleine nicht helfen

Letzten Sommer habe ich mein altes Mountain Bike fotografiert. Es hat rund 15 Jahre auf dem Buckel und ich habe es beim Händler meines Vertrauens wieder in Schuss bringen lassen.

Vom Bike habe ich eine Reihe Fotos gemacht. Aus meiner Sicht richtig schöne Bilder. Mit einer alten Enna Lithagon auf der 5D. Schön weich, ein bissl ins Gegenlicht gehalten und einen wunderbaren Lensflare hinein genommen.

Ein wunderschönes Bild – zumindest meiner Meinung nach. Eine Meinung mit der ich alleine bin.

Aufnahme eines Fahrradrahmens im Gegenlicht mit Lensflare
So ein schönes Bild. Mit alter Linse und einem dicken Lensflare.

Ich fand das Bild so schön, dass ich es gleich auf Facebook gepostet habe. Die Reaktion? Ein Mitleids-Like meines Bruders. Ansonsten Stille.

Offenbar finde nur ich das Bild schön. Weiß niemand, meine Kunst zu schätzen?

Oder liegt es vielleicht daran, dass das Bild niemandem etwas sagt? Dass keiner erkennt, worum es sich beim Motiv überhaupt handelt? Dass das Bild nichts erzählt außer: „Da freut sich aber jemand über seine eigenen tollen Effekte.“

Der Fluch der schönen Bilder

Und das brachte mich auf einen Gedanken. Ich sehe immer wieder atemberaubende Showreels und Demo-Filme mit wirklich fantastischen Bildern. Den Kameraleuten und Color Gradern wage ich nicht das Wasser zu reichen. Wirklich schön gemacht!

Die Sache ist nur die: Wenn man all die schönen Bilder wegläßt, all die tollen Fahrten, die Steady Moves, die stimmungsvolle Musik. Was bleibt dann von einem Film?

Wenn die Antwort „nichts“ ist, dann hat der Film ein Problem. Er erzählt nämlich nichts. Oder fast nichts: ein Film mit stimmungsvollen, aufwändig bearbeiteten Bildern erzählt, dass jemand sein Handwerk in Sachen Bilder versteht. Tolle Fahrten oder Schärfeverlagerungen erzählen, dass jemand mit der Kamera umgehen kann. Und eine tolle Musik erzählt, dass jemand einen tollen Komponisten hat oder sich bei Soundtaxi oder anderen Anbietern gut auskennt und ein Händchen für die richtige Auswahl hat.

Doch was soll ein Film darüber hinaus erzählen? Und ist es wirklich in jedem Film notwendig, das ganze Arsenal von Color Grading, Zeitlupe und Sound-Bearbeitung abzuschießen. Sollen am Ende all diese Finessen nur eines überdecken: Das Video erzählt nichts? Es ist ein launiger Bilderbogen – mehr nicht?

Etwas erzählen

Sofern es sich nicht um ein Showreel handelt, muss ein Video meiner Meinung nach etwas erzählen. Ich will hier gar nicht mit Storytelling anfangen. Der Begriff ist abgedroschen und schwer beschädigt. Dennoch geht es natürlich darum, etwas zu erzählen.

Doch wie erzählt man etwas? Was ist der Kern einer Geschichte? Wie komme ich zu jenem Storytelling? Das ist gar nicht so einfach.

So gehe ich an meine Geschichten heran

Die meisten Filme, die ich mache, muss ich vorher schreiben (Ausnahme sind einfache Praxis-Videos). Entweder habe ich dann schon Material, mit dem ich arbeiten kann, zum Beispiel O-Töne oder ich habe noch nichts. Das hängt vom Auftraggeber und dem Auftrag ab. Wichtig ist jedenfalls, dass ich einen klaren Auftrag habe.

Zurück zur Geschichte.

Der Kern der Geschichte

Vorweg: Es gibt keine Formeln für Geschichten, keine Standardrezepte. Da kann man noch so schön eine Heldenreise konstruieren mit Schwellenhütern, Mentoren und ach was noch allem. Wenn am Ende die entscheidende Zutat fehlt, taugt die ganze Geschichte nichts. Hobbyköche können genau nach Rezept kochen – aber ein wirklich gutes Gericht bekommen sie erst mit ihrer Geheimzutat, mit ihrem speziellen Kniff, mit ihrer Art, die Pfanne zu schwenken.

Aber gehen wir einen Schritt zurück. Was ist der Kern einer Geschichte? Der Konflikt. Genau. Aber muss ein Konflikt immer einen Auseinandersetzung sein? Meiner Ansicht nach nicht. Ich wähle lieber den Begriff „Problem“.

Also besteht eine Geschichte im Kern aus… Achtung, hier kommt die Formel:

Geschichte = Problem -> Lösung -> Learning + x

Tadaa!

Aber wie gesagt: es gibt keine Standardformel. Aber vielleicht hilft dieser Grundgedanke.

Der Weg zur Geschichte

Wenn Ihr Euch traut – und wenn sich Euer Kunde traut – gibt es gute Wege zu brauchbaren oder guten Geschichten. Schließlich muss nicht jeder Produktfilm ein Blockbuster werden. Aber wenn Ihr ein wenig Acht gebt, kommt Ihr zumindest über den reinen Bilderbogen hinaus.

Hier sind meine Ansätze, um Geschichten zu finden:

  • Gibt es ein Problem und eine Lösung dazu?
  • Gibt es jemanden, der Bestehendes ändern will und dabei auf Widerstand trifft?
  • Gibt es etwas, das sich ändert?
  • Gibt es jemanden, der sich ändert?

Der erste Punkt ist meiner Meinung nach der einfachste.

Zurück zum Mountain Bike

Kommen wir noch einmal zum Eingangsbild zurück. Das schöne Foto, das jetzt in meinem Lightroom vergammelt. Warum? Weil es nichts erzählt, außer dass ich da ganz toll fotografiert habe (oder auch nicht).

Letztlich wäre dieses hingeworfene Foto sicher besser gewesen. Dazu noch eine Bildbeschreibung: „Nach 15 Jahren ist mein altes Mountain Bike immer noch fit.“

Mountain Bike in der Wiese
Wäre das das bessere Foto gewesen?

Ich bin mir sicher, das hätte mehr Likes und Kommentare gebracht. Auch wenn das Bild nun wirklich nicht raffiniert ist. Im Gegenteil. Aber es erzählt mehr.

Und um das Erzählen geht es.

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