So entstand der Film „21 – Ich kann laufen so wie Du“

Das Motto beim Dreh war: Einfach mitgehen und die Kamera laufen lassen. Das sollte sich als Fehler erweisen. Aber aus Fehlern lernt man – und aus diesem habe ich eine Menge gelernt.

Wenn ich beim Dreh etwas als Vorbild hatte, dann die Dokumentationen von Klaus Wildenhahn (zum Beispiel „John Cage„). Wobei ich im Film wesentlich mehr Kommentare einsetze und die auch nicht immer auf die sachliche Ebene beschränke.

Vorbereitungen für den Staffellauf

Das große Ereignis kommt näher und ich habe die Hosen voll: Am 20. Mai startet ein Staffellauf. Auf 210 Kilometern tragen Läuferinnen und Läufer des Laufclub 21 das Olympische Feuer von Fürth nach München.

Dort kommen sie am 21. Mai an, abends wird dann das Olympische Feuer in München entzündet.

Vorbereitungen seit September 2011

Seit den ersten Vorbereitungen begleite ich das Projekt mit der Kamera. Auf meiner Festplatte liegen inzwischen rund sechs Stunden Rohmaterial, davon gut eine Stunde Interviews mit der Organisatorin Anita Kinle.

Vorbereitungstreffen, Erkundungs- und Testfahrten – wenn ich es schaffe, dabeizusein, bin ich dabei. Mit der Kamera. Die ersten Aufnahmen sind noch mit der SD707 entstanden, mittlerweile ist die NX5 im Einsatz. Zusätzlich habe ich bei den letzten Drehs den Atomos Samurai als externen Rekorder verwendet.

Atomos Samurai auf Sony NX5E

Ich drehe allein

Beim Dreh arbeite ich alleine. Das bedeutet viel Freiheit auf der einen Seite, aber wenig Komfort auf der anderen. Ich werde keinen Helfer haben, der mir eben Mal Leute beiseite schiebt. Niemand, der sich um die Akkus kümmert oder auch mal einen kritischen Blick mit auf die Einstellung wirft.

Besonders wird mir ein Tonmann fehlen. Ton gibt es nur über das eingebaute Kameramikro. Mehr ist nicht. Eventuell hole ich mir noch ein paar Atmos mit dem Tascam. Aber das ist dann auch schon alles.

Eingebettet

Die Arbeit alleine wird mir aber einen Zugang zu Lauf und Leuten schaffen, wie er mit einem Team wahrscheinlich nicht möglich ist. Ich sehe mich nicht als externen Kameramann, sondern als Teil des Laufclub-21-Teams.

Ich hoffe so auf möglichst authentisches Material, ungekünstelte, natürliche Footage. Am liebsten möchte ich gar nicht bemerkt werden.

Kein Plan

Auf ein Konzept, einen Drehplan, habe ich verzichtet. Das birgt Risiken und ist der Hauptgrund, warum ich die Hosen voll habe. Denn ich werde unter Umständen keine Protagonisten haben, keine Fallhöhe, keine Geschichte. Das macht mir Sorgen.

Doch mein Wunsch wiegt stärker, später im Material nach der Geschichte zu suchen. Ich möchte die Bilder des Laufs kennen lernen, verstehen und dann die Geschichte darin finden. Wenn das schief geht, wird es ein netter Film für alle, die dabei waren. Schön chronologisch, nette Bilder.

Wenn es aber so klappt, wie ich mir das vorstelle, wird es ein guter Dokumentarfilm. Das ist mein Ziel.

Die Vorbereitungen gehen in die letzte Phase

Mittlerweile spüre ich meine Nervosität und es treten immer wieder Probleme auf. Eigentlich wollte ich den externen Rekorder mit 750GByte-Harddrives ausstatten. Zwei Stück davon reichen für rund 17 Stunden Footage. Alle Probleme preiswert gelöst.

Doch es kommt anders. Bei Testaufnahmen mit dem Samurai und den Platten überträgt sich die Vibration der Platten auf das Gehäuse und auf das Mikrofon. Genau auf das einzige Mikro, das ich beim Filmen verwende.

Der Versuch mit einer anderen Halterung für den Rekorder hat nichts gebracht. Es vibriert sich zum Kameragehäuse durch.

Also brauche ich SSDs – und die sind teuer. Jetzt nehme ich fünf 128er-SSDs mit auf die Reise. Zusammen rund 640 GByte und Platz für rund acht Stunden Rohmaterial. Das muss reichen.

Parallel zum Samurai nehme ich noch intern auf SD-Karten auf. So habe ich gleich ein Backup, wenn auch in schlechterer Qualität.

Außerdem mit dabei: Sieben fette Kamerakkus, drei kleinere Akkus für den Rekorder und das Kopflicht. Außerdem nehme ich neben der NX5 noch die SD707 als Ersatzkamera mit. Die NX5 hat außerdem ein Regencape und zwei unterschiedlich behaarte Windfelle für das Mikro.

Mein Wagnis

Sicher kann das Projekt schief gehen. Oder es kann gelingen. In jedem Fall aber werde ich eine Menge lernen auf diesem 30 Stunden dauernden Trip.

Die nächste Herausforderung wird dann, aus dem Material einen Film zu schneiden. 30 bis 45 Minuten wären mein Ziel – wenn es das Material hergibt.

Ich gehe davon aus, dass es gelingt. Denn sonst würde sich das anfangen nicht lohnen.

Erste Footage

Ein paar Videos habe ich auch schon aus den ersten Drehs gebaut:

 

Laufen mit der Kamera

Mehr als einmal bin ich samt Kamera gesprintet, habe die aktuell laufende Gruppe überholt und mich danach zum Filmen aufgestellt.

Bei schnelleren Gruppen habe ich die Kamera noch im Laufen angeschaltet und schon auf Verdacht einen ND-Filter vorgewählt, um ein sinnvolles Bild zu bekommen. Das hat nicht immer geklappt.

Wenn ich zu langsam war, die Blende zu schließen oder den ND eine Stufe weiter zu schalten, war die Gruppe schon vorbei. Das war dann die Zeit für den nächsten Sprint. Uff.

Beim Laufen habe ich die Kamera meist auf Schulterhöhe gehalten, den Arm also stark angewinkelt. Entgegen aller Erwartungen hatte ich keinen Muskelkater, allerdings einige blaue Flecken an der Schulter. Offenbar habe ich mir die Kamera mehr als einmal gegen die Schulter gehauen. Angenehm war, dass Kamera, der ULCS-Halter und der Samurai ganz gut gehalten haben. Dazu aber an später an anderer Stelle mehr.

Obwohl ich ganz ordentlich trainiert bin, war ich nach den Sprints außer Atem.

Um Atemgeräusche im Filmmaterial zu vermeiden, habe ich mit weit geöffnetem Mund geatmet. Bislang ist mir im Material noch nichts aufgefallen, wo meine eigenen Atemgeräusche zu hören sind. Das leichte Zittern nach dem Laufen hat der optische Stabilisator einigermaßen kompensiert. Habe mich ein wenig wie beim Biathlon gefühlt, die müssen auch aus dem Lauf heraus abbremsen und dann ein Ziel anvisieren.

Die Kleidung

Als Resultat der Sprints war schon kurz nach dem Start mein T-Shirt vom Laufen durchgeschwitzt. Die erste Erkenntnis am ersten Drehtag: Baumwolle ist definitiv der falsche Stoff für einen laufenden Kameramann.

Das T-Shirt habe ich dann recht bald mit einem Laufshirt des Laufclub 21 ersetzt, das mir bis München gute Dienste geleistet hat. Funktionskleidung hat auch beim Kameralauf* klare Vorteile.

Zur Eröffnungsveranstaltung habe ich mir dann wieder ein normales T-Shirt angezogen. Mit dem Laufshirt auf dem Presseplatz für die Kameras zu stehen hätte meiner Ansicht nach nicht gepasst. Außerdem war das Laufclub-Shirt durchgeschwitzt und ich wollte das den Kollegen nicht zumuten.

Zum Laufen hätte ich mir auch eine Laufhose gewünscht. Allerdings ist die für die Arbeit mit der Kamera zu dünn. Ich habe mich mehrere Male hingekniet oder hingesetzt, auch auf Steinen oder Kies. Ohne Jeans wäre deutlich unangenehmer gewesen. Auch beim nächsten Lauf dieser Art würde ich also eher zur Jeans greifen, auch wenn sie zum Laufen nicht so bequem ist. Nach zwei Tagen allerdings war die Jeans ein klarer Fall für den Vollwaschgang.

  *ich überlege, einen Kameralauf zu veranstalten. Dort treten Kameraleute in verschiedenen Klassen gegeneinander an. Von der Flip Mino bis zur Arri Alexa wird mit allen wichtigen Kameratypen gelaufen. Das Ganze soll es dann auch als Staffel geben – das erhöht die Spannung 😉

Wo ist die Geschichte?

Schon recht bald nach dem Lauf habe ich mir eine kleine Liste gebaut mit möglichen Spannungspunkten. Die Liste sollte mir als Gedächtnisstütze dienen und hat mir geholfen, ein paar spannende Augenblicke im Film ausfindig zu machen. Ihr erkennt sie an den kleinen Blitzen.

Nach dem ersten Entwurf und dem ersten Sichten des Materials habe ich eine ganze Weile nichts am Film gemacht. Immer mal wieder habe ich Material gesichtet, verschlagwortet und markiert. Nach einer Weile war ich nur noch eines: Verzweifelt. Denn die 15 Stunden Material waren zu viel – wie sollte ich daraus eine gute Geschichte formen?

Hilfe von Außen

Dann kam Hilfe. Mit Christian hatte ich mich eigentlich zum Rad fahren verabredet. Aber daraus wurde ein für mich prägender Workshop zum Thema Dramaturgie. Das Ergebnis: Für dieses Mal mache ich einen Film, der die Leute freut, die dabei waren. Und beim nächsten Mal weiß ich, wie es geht: Mehr Vorplanung, mehr Vorrecherche, Protagonisten suchen, Akzente auf die Widerstände setzen. Stroytelling eben.

Der Film war damit gerettet: Heraus gekommen ist ein Roadmovie. Der Rahmen ist der lange Lauf, darin eingebettet sind viele kleine Geschichten.

Tatsächlich wurde ich genau am 25. Oktober fertig mit dem Film. Ganz fertig ist er natürlich nicht – bei jedem Ansehen entdecke ich Stellen, die nicht optimal sind. Aber ich werde da nichts mehr dran machen. Schließlich dokumentiert der Film nicht nur den Staffellauf, sondern auch meinen eigenen Ansatz Filme zu machen.

Der Zeitaufwand

Gestern, am 26. Oktober 2012 hatte mein Dokumentarfilm über den Staffellauf des Laufclub 21 Premiere. Einige haben mich gefragt, wie lange es denn nun gedauert hätte, den Film zu machen.

Ich musste eine Weile überlegen – irgendwas um die 200 Arbeitsstunden habe ich geschätzt.

Geschätzte Arbeitszeit

Heute, mit etwas Ruhe, versuche ich eine Aufstellung der Arbeitszeiten. Die Angaben für „Dreh“ schließen die Zeiten für Vorbereitung und anschließende Datensicherung mit ein:

Tätigkeit

Stunden

Dreh Vorbesprechung

3

Dreh Testlauf

12

Dreh Interview Anita I

4

Dreh Interview Anita II

3

Dreh Vorbesprechung März

3

Dreh Vorbereitungen bei Patrick Preller

2

Dreh Training Marathoni

3

Dreh Test der Fackel bei Anita

3

Dreh Ankunft der Fackel am Flughafen

5

Dreh Down Syndrom Day Marathon

8

Dreh Hard Run

8

Materialtests für Dreh Staffellauf

4

Dreh Staffellauf

40

Anlegen Projekt, Sichten der Clips

8

Schnitt Trailer (mehrere Versionen)

8

Drehbuch 1 Fassung

3

Schnitt

50

Farbkorrektur und Grading

32

Endmontage

4

Schreiben Sprechertexte

4

Sprechen

4

Aufräumen des Projekts

2

211

211 Stunden – über den Daumen geschätzt. Da lag ich mit der ersten Schätzung gestern gar nicht so schlecht. Genau kann ich es allerdings nicht fest machen.

Für mich waren zum Beispiel die vier Wochen vor der Premiere komplett mit Schnitt, Sprechen und Grading zu. Allerdings habe ich zwischendrin auch etwas für meinen Lebensunterhalt getan.

Nicht mit in die Rechnung eingeflossen sind die vielen Gespräche über den Film über die Struktur und die Bilder mit Freunden.

Insgesamt habe ich rund 15 bis 17 Stunden Rohmaterial für den Film gesammelt (je nachdem, ob man Hard Run und Down Syndrom Day Marathon mitzählt). In den 30 Minuten des fertigen Videos sind viele Drehs gar nicht oder kaum eingegangen. Aus den gesamten Vorbereitungen haben es nur rund 2 Minuten in den fertigen Film geschafft. Auch die Interviews mit Anita sind nicht im Film gelandet. Die werde ich aber voraussichtlich noch anderweitig veröffentlichen.

Für mich hat das Projekt ein Jahr gedauert. Es hat mich mal mehr, mal weniger begleitet.

Nun ist es fertig. Danke allen, die mir geholfen haben.

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