Ein Nein tötet die Kreativität

Meine kurze Zeit im Kindergarten. Katholischer Kindergarten. Nonnen in Schwarz. Die anderen Kinder und ich müssen Vorlagen ausmalen. Irgendwelche Tiere, Autos und so weiter, vorgezeichnet in Schwarz. Klein Martin nimmt sich den Stift und malt fleißig – natürlich auch über den Rand hinaus.

Das hätte ich nicht tun sollen. Für diese Grenzüberschreitung erwartet mich einmal ziehen am Ohr und eine Demütigung vor den anderen Kindern.

Fast jeder, dem ich diese Geschichte erzähle, nickt. Man kennt das, das war damals eben so.

Über den Rand hinaus malen war ein Grund für Bestrafung. Kreativität, Grenzüberschreitung? Tabu!

So stirbt Kreativität

Dazu passt ein wichtiger Gedanke, den Tom Schlesinger auf der Dramaturgie-Schulung weiter gegeben hat ist: jedes „ja aber“ oder „nein“ tötet die Kreativität. Man sollte möglichst keine Urteile abgeben, wenn man in einer Gruppe kreativ zusammenarbeitet.

Das erinnert mich daran, wie fortschrittlich wir bei den Pfadfindern der DPSG waren. Dort haben wir viel nach der Projektmethode gearbeitet – ein wesentlicher Bestandteil war das Brainstorming. Auch hier gab es keine Wertung der Ideen.

Denn zu frühe Bewertungen ein „nein, das geht nicht“ ein „ja, aber“ unterbricht tatsächlich den Gehirnsturm, die Kreativität. Und es weist denjenigen zurück, der die Idee aufgebracht hat. So zurück gewiesene werden sich überlegen, ob sie eine weitere Zurückweisung riskieren und lieber ruhig sein. Kreativität erfolgreich getötet.

Beispiel während der Schulung

Gleich am zweiten Schulungstag erlebe ich, wie das geht: in einer Diskussion über einen Film bringe ich eine Beobachtung ein. Vielleicht ist sie ein wenig überspitzt, aber sie bringt eine andere Sichtweise in die Diskussion und wäre zumindest einer gewissen Betrachtung wert. Finde ich.

Die Reaktion kommt prompt: „Nein“ – einer Mit-Teilnehmerin scheint mein Eindruck zu weit hergeholt. Meinetwegen. Aber mit dem „Nein“ zeigt sie ganz genau, wo eines der Probleme derer liegt, die Filme beurteilen und auswählen: sie arbeiten nach Vorlagen, Ja-Nein-Mustern, suchen nach Formfehlern, sezieren und sind nicht in der Lage, sich auf andere Gedanken oder Herangehensweisen einzulassen.

Überhaupt fällt auf, wie sehr einige Teilnehmer nach Vorlagen, Blaupausen, Checklisten, Formen verlangt haben. Ob das funktioniert? Einen Dokumentarfilm streng nach Vorlage? Da bin ich mir nicht so sicher.

Ich nehme die Schulung eher so auf, dass ich bei Bedarf die gelernten Modelle anwenden kann, um einer Doku auf die Sprünge zu helfen, die nicht funktioniert. So weit ich mich erinnere, sprach Tom auch von einem „Set of tools“.

Und der Kindergarten? Ich war dort nicht sehr lange. Nach ein paar Tagen oder Wochen wurde ich krank, bekam Mumps und durfte fortan den Killern meiner frühkindlichen Kreativität fernbleiben.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar