Wenn Bilder lügen

Colonia de St. Jordi, 7:30 Uhr morgens. Der Speisesaal füllt sich mit Ausdauersportlern. Durchtrainiert und still bereiten sie ihren Tag vor. Heute stehen 180 Kilometer und 2.000 Höhenmeter an. Oder eine Tempoeinheit mit nur 100 Kilometern und einem 40er Schnitt?

Eine Tasse Tee, viel Müsli, Kohlenhydrate, damit die Körner für die lange Tour reichen. Ein wenig Obst zum Nachtisch. Das muss reichen.

Zwei Stunden später: Christian und ich spazieren zum Frühstück. Zwei Rad-Urlauber gönnen sich Rührei mit Speck, Brötchen und Schokokuchen mit Nutella!

Wirklich? Schokokuchen mit Nutella?
Wirklich? Schokokuchen mit Nutella?

Schokokuchen mit Nutella?

Man kann es auch übertreiben! Wer isst denn so was?

Manipulative Macht morgendlicher Motive

„Jetzt hab ich Dich,“ grinse ich Christian an, als er mit dem Kuchen und der Haselnusscreme an den Tisch kommt. Ich zücke mein iPhone und drücke ab. Er weiß, dass es zu spät ist.

Seine Rechtfertigung hilft ihm nicht mehr: er bräuchte Nutella für seine Brötchen und der Kuchen sei extra. Und überhaupt, die drei randvollen Schälchen mit Marmelade auf meiner Seite seien auch nicht kalorienärmer.

Zu spät, das Bild ist aufgenommen. Die Betrachter werden sich wundern, wer denn so versessen ist auf Süßkram, dass er zum Schokokuchen noch Nutella nimmt.

Bilder sind gefährlich

Das Bild zeigt die Wahrheit, keine Frage. Allerdings zeigt es nur einen Ausschnitt der Wahrheit. Der Brötchen-Kontext fehlt. Genau hier liegt die Gefahr von Bildern, hier liegt die Gefahr der Manipulation: Wir sehen, was wir sehen, wir schließen den einfachst möglichen Zusammenhang auf Basis unserer Erfahrung.

Da liegt Schokokuchen auf dem Teller, daneben Nutella. Ergo: Der Besitzer des Tellers mag Schokokuchen mit Nutella. Bestimmt mag er auch Karamell mit Zuckerguss und isst am liebsten eine Bratwurst zum Steak.

Der Kontext der Aufnahme ist verloren. Kein Mensch außer Christian und mir weiß, was noch um das Bild herum passiert ist.

Das gilt auch für Filme. Wir machen ständig Bilder, die nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit zeigen. Zum Beispiel auf einer schwach besuchten Tanzveranstaltung. Da kann ich nicht weitwinkelig reingehen und zeigen, wie sich vereinzelt ein paar Menschen auf der Tanzfläche verlieren. Nein, da gehe ich mit dem Tele ran und sehe zu, dass ich das Bild schön verdichte. Dem Kunden zu liebe. Auch das Bild mit dem Tele zeigt die Wahrheit. Aber nur einen Ausschnitt. Noch dazu einen, der künstlich verdichtet ist.

Also: Vorsicht mit den Bildern und ihren Aussagen. Achtet bei Fotos und Videos darauf, was Ihr abbildet und achtet auf den Kontext.

Denn sonst wird es Euch wie Christian gehen: Alle Welt denkt, dass er Schokokuchen mit Nutella isst. Dabei ist das gar nicht wahr!

Oder doch?

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