Disruptive Editing – mehr Aufmerksamkeit in Videos mit alter Montage-Technik

„Use disruptive editing“, sagt ein Mitarbeiter von Youtube in einem Video zu Youtube Shorts*. Laut ihm bleiben zwei oder drei Sekunden Zeit, die Aufmerksamkeit in einem Youtube Short zu erregen. Und dann müssen wir sie halten: Mit “trendy audio”, Effekten und Disruptive Editing. Der Begriff “Disruptive Editing” erinnert mich an eine alte Technik: Den diskontinuierlichen Schnitt oder auch die Attraktionsmontage. In diesem Beitrag suche ich nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen dem Disruptive Editing der Sozialen Medien und der Attraktionsmontage.

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Zwei Formen der Montage

Wir haben im Wesentlichen zwei Ausprägungen des Videoschnitts: Diskontinuierlicher Schnitt und Kontinuierlicher Schnitt.

Diskontinuierlicher Schnitt

Diskontinuierlicher Schnitt ist eine Art der Film-Montage, wie sie Sergei Eisenstein in den 1920er Jahren begründet hat. Eisensteins Montage wird auch referenziert als Attraktionsmontage oder als Sowjetische Montage.

Filme wie „Panzerkreuzer Potemkin“ oder „Oktober“ setzten an vielen Stellen Bilder zusammen, die im Rahmen der Geschichte erst einmal nichts miteinander zu tun hatten. Oft spektakuläre oder schockierende Bilder.

Im Film „Streik“ zum Beispiel zeigte Eisensetin, wie ein Stier geschlachtet wird und schnitt dagegen Streikende, die von Kapitalisten ermordet wurden. Die drastische Schlachtszene erzeugt einen Schockeffekt, der Schnitt auf die Streikenden soll eine Assoziation zur Unterdrückung des Proletariats erzeugen.

Das war der Grundgedanke Gedanke: spektakuläre Bilder aufeinander prallen lassen, um so einen neuen Sinn zu erzeugen. Eisensteins Ziel war es, das Publikum intellektuell zu erreichen und zum Nachdenken anzuregen. Mehr noch, das Publikum nach seinen Vorstellungen zu beeinflussen und zu formen.

Mehr zu Eisensteins Theorie hier und hier .

Kontinuierlicher Schnitt

Im Gegensatz zur Eisensteinschen Montage steht das Continuity Editing der Hollywood-Schule.

Hollywood stellt den Inhalt in den Vordergrund: „Alle Schnittpraktiken der Hollywood-Grammatik waren dazu gedacht, unauffällige Übergänge von Einstellung zu Einstellung zu ermöglichen und die Aufmerksamkeit auf die jeweils ablaufende Handlung zu konzentrieren. Alles, was half, die Unmittelbarkeit des Handlungsablaufs beizubehalten, war gut, was ihn störte, war schlecht.“ (James Monaco, Film verstehen. Reinbek bei Hamburg: rororo (2009), Seite 233)

Continuity will Irritation der Zusehenden vermeiden – sie sollen stets im räumlichen wie auch im zeitlichen Kontext orientiert bleiben. Die Konzentration gehört dem Inhalt, der Geschichte, der Heldin oder dem Helden.

Continuity lullt ein, Discontinuity irritiert

Überspitzt formuliert lullt Continuity ein. Wir folgen einer Geschichte und vergessen, dass wir einen Film sehen. Montage hingegen irritiert, macht uns klar, dass wir einen Film sehene – je nachdem welche Absicht hinter einem diskontinuierlichen Schnitt steht und wie er verstanden wird.

In Filmen sehen wir heute beide Techniken. Besonders Jump Cuts – eine Montagetechnik, die Sprünge in Raum zu Zeit erzeugt, finden sich immer wieder.

Die meisten Business-Videos, also Image-Filme, Kunden-Referenzen, Tutorials (Erklärfilme) hingegen setzen auf kontinuierlichen Schnitt.

In Youtube Shorts, Tiktok und Instagram Reels setzt sich diskontinuierlicher Schnitt durch, verstärkt noch mit zusätzlichen Elementen wie Text und Effekten. Das, was wir als hektisch empfinden, unangenehm, störend – das ist genau das, was die Video-Kurzformen ausmacht. Störung, Irritation, bunt, Glitzer.

Werkzeuge für Social Media Filme

Attraktionsmontage

Die Attraktionsmontage hat einen Aspekt, der sich heute in vielen Video-Kurzformen wieder findet: Das Aneinanderreihen von spektakulären Bildern, um die Zusehenden wachzurütteln. Natürlich sind die oben beschriebenen Schock-Elemente in sozialen Medien inhaltlich sanfter, dafür optisch auffälliger.

Hauptunterschied aber zur Attraktionsmontage von Eisenstein: Das Kollidieren von zwei Bildern zu einem neuen Gedanken fehlt in der Regel. Vielmehr versucht die zeitgenössische Attraktionsmontage in sozialen Medien, die Zusehenden mit möglichst vielen visuellen Reizen bei der Stange zu halten. Die Absicht ist anders, die Technik ähnlich. Neben der Attraktionsmontage sehen wir häufig Jump Cuts ((Link)) in sozialen Medien. Sie brechen die zeitliche Kontinuität irritieren und bringen einen weiteren visuellen Reiz.

Effekte

Es darf blinken, färben, zappeln. Alles ist erlaubt. Und viele Video-Schnittwerkzeuge bieten Effekte ohne Ende. (Tipp: Inshot für Smartphones sind eine endlose Filterquelle). Was bringt so ein Filter oder Effekt? Irritation und bestenfalls Attraktion. Es blinkt etwas, und wo etwas blinkt, da sehen wir hin. Oder es saust plötzlich ein kleines Einhorn über den Bildschirm. Oder das Gesicht ändert seine Form.

Das sind alles Mittel, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Und das ist bei Videos in sozialen Medien immer wieder von neuem nötig. Oft werden Effekte also auch verwendet, um die Aufmerksamkeit des Publikums im Verlauf des Videos immer wieder anzuregen.

Übergänge

Trickblenden und Übergänge spielen ebenfalls mit der Aufmerksamkeit – stark animierte Übergänge wie eine Zoom-Blende oder ein Reiß-Schwenk erzeugen einen sichtbaren visuellen Effekt. Besonders visuell langweilige Sequenzen lassen sich mit Trickblenden optisch attraktiver gestalten.

Texte

Textelemente helfen besonders bei kurzen Videos, wichtige Aussagen hervorzuheben oder Kontext zu geben. Tipp: kurze Texte verwenden, am besten Schlagwörter.

Musik

Oh ja, Musik sollte dabei sein. Musik, die das Tempo des Clips unterstützt oder die Stimmung hervorhebt. Vorsicht aber vor nichts sagendem Corporate Pop, wie er in Tausenden Business-Filmen zu hören ist.

Die Dosis macht’s

Wichtig ist die Dosis, in der wir mit Schnitten und Effekten arbeiten. Wenn es nur noch blitzt und blinkt, geht der Inhalt unter. Das Tempo der Geschichte sollte die Montage und Effekte bestimmen. Lieber erst einmal sparsam mit den hier gezeigten Mitteln starten und dann sehen, wie weit das Publikum mitgeht.

(*Youtube Shorts sind die neue Video-Kurzform auf Youtube, maximal 60 Sekunden lang und im Hochformat produziert.)

Martin Goldmann beim Seminar VideoproduktionMartin Goldmann

Ich helfe Unternehmen mit Coachings und Seminaren, bessere Videos zu drehen und arbeite regelmäßig als Redakteur oder Kameramann für Unternehmensvideos.
Darüber hinaus betreue ich den Videokanal der Nutzwertplattform Tippscout.de und betreibe einen eigenen Youtube-Kanal rund um die Video-Produktion.

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