Der eigene Videocast – selbst vor der Kamera stehen

Sie drehen einen Videocast. Gut. Treten Sie oder jemand anderes dabei auch vor die Kamera? Sehr gut. Aber dann sollten Sie ein paar Dinge wissen.

Wohin schauen?

Viele stehen bei ihrem ersten Auftritt vor der Frage: Soll ich in die Kamera schauen oder daneben? Die klare Antwort: Das hängt davon ab.

Setzen wir voraus, dass die Kamera den Zuschauer repräsentiert. Sie ist sein Auge und sein Ohr. Da, wo die Kamera steht, befindet sich auch der Zuschauer. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten:

Möglichkeit A: Der Blick in die Kamera

Möchten Sie direkt mit dem Zuschauer sprechen? Haben Sie ihm eine Mitteilung zu machen? Dann sprechen Sie direkt in die Kamera. Nachrichtensprecher und Moderatoren machen das so, sie sprechen den Zuschauer direkt an. Auch bei Lehrvideos und Tutorials empfehle ich die direkte Ansprache.

Der Blick in die Kamera ist zum Beispiel bei Erklär-Videos sinnvoll.
Der Blick in die Kamera ist zum Beispiel bei Erklär-Videos sinnvoll.

Beachten sie beim Sprechen in die Kamera, dass Sie direkt in die Linse schauen. Schon der Blick an den Rand des Objektivs wirkt für den Zuschauer so, als würden Sie an ihm vorbei sehen. Natürlich ist es kein Problem, wenn der Blick mal nach rechts oder links wandert, das kann passieren. Aber optimal ist es, wenn Sie den Blickkontakt zum Zuschauer konsequent halten.

Auf zwei Probleme sollten Sie achten, wenn Sie eigene Videocasts drehen und dabei direkt in die Kamera sprechen:

  • Wenn Sie ohne Kamerafrau oder -mann arbeiten, haben Sie wahrscheinlich das Display der Kamera zu sich selbst gedreht. Ihr Auge wird immer wieder zum Display wandern, weil Sie sich selbst kontrollieren wollen. Für den Zuschauer sieht das aber so aus, als würden Sie immer wieder von ihm wegblicken. Das transportiert Unsicherheit. Halten Sie den Blickkontakt mit dem Objektiv.
  • Manch einer macht sich Notizen oder schreibt den Text auf und hängt ihn ans Stativ unter die Kamera. Die Idee ist an sich gut, denn so kann man den Text ablesen. Allerdings sehen Sie beim Lesen nicht in die Kamera sondern auf den Zettel – also neben das Objektiv und damit auch neben den Zuschauer. (Falls Sie eine Gedankenstütze brauchen, schreiben Sie Stichpunkte auf Karteikarten und nutzen Sie die. Der Zuschauer darf dann ruhig auch sehen, dass Sie sich an die Karteikarten halten. Dann weiß er Bescheid, wenn Sie kurz mal wegblicken.)

Also immer schön Blickkontakt halten. Und noch ein Tipp: Wenn Sie mit Ihrem Vortrag vor der Kamera fertig sind, halten Sie den Blick noch drei Sekunden in das Objektiv hinein. Einfach schweigend weiter gucken. Warum? Weil viele so erleichtert sind, den Text erfolgreich gesprochen zu haben, dass sie schon mit dem letzten Wort vom Objektiv wegsehen. Wenn ich als Kameramann bei Kunden bin, kommt das immer wieder vor: Der Take ist gesprochen, der Kunde blickt mit dem letzten Wort zu mir und freut sich auf die Bestätigung, dass alles gut ist. Nur leider muss ich ihm dann sagen: „Nochmal, denn Sie haben zu früh weg gesehen.“

Das Nachhalten hat noch einen zweiten Vorteil. Es liefert eine kleine Reserve für den Schnitt. Wenn die Augen den Blickkontakt halten, können Sie im Schnitt das Bild einen Tick länger stehen lassen. Das sieht besser aus. Also: Immer noch ein paar Sekunden den Blick halten.

Lesen Sie hier, warum ein aussagekräftiger Hintergrund Ihrem Videocast hilft.

Möglichkeit B: Der Blick neben die Kamera

Und wann sieht man neben die Kamera? Auch hier gehen wir wieder vom Zuschauer aus. Dessen Rolle wechselt jetzt: So lange Sie in die Kamera blicken, ist der Zuschauer Ihr Gesprächspartner. Sprechen Sie aber neben die Kamera, ist der Zuschauer Zeuge.

Nehmen wir eine Nachrichtensendung: Die Moderatorin spricht direkt mit dem Zuschauer und erzählt ihm, was Neues passiert ist. Dann folgt ein Sendebeitrag mit O-Tönen: Ein Reporter befragt einen Beteiligten zu einem Sachverhalt. Mit wem spricht der Beteiligte? Mit dem Reporter, klare Sache. Der Interviewpartner sieht also an der Kamera vorbei. Der Zuschauer ist Zeuge. Er beobachtet das Geschehen und nimmt eine objektive Position ein.

Eine Interview-Situation mit meinem Kompagnon Markus Schraudolph
Eine Interview-Situation mit meinem Kompagnon Markus Schraudolph

In Spielfilmen und Serien werden sie selten erleben, dass jemand direkt in die Kamera spricht. Und wenn, dann steckt dahinter Absicht. In der Serie „House of Cards“ zum Beispiel wendet sich der Hauptdarsteller Kevin Spacey immer mal wieder an den Zuschauer. Er durchbricht dabei die „vierte Wand“. Das ist ein Begriff aus dem Theater: Eine Bühne hat in der Regel zwei Seitenwände und eine Hinterwand. Die Schauspieler spielen meistens so, als gäbe es zwischen dem Zuschauerraum und der Bühne noch eine weitere Wand. Das ist die vierte Wand. Wann immer sich ein Darsteller an das Publikum wendet (genau das ist der Blick direkt in die Kamera), durchbricht er die vierte Wand.

So, genug Bühnengeflüster. Wohin also sollen Sie sprechen beim Videocast? Im Normalfall sprechen Sie in die Kamera mit Ihren Zuschauern. Die Ausnahme: Sie möchten, dass der Videocast wie ein Interview wirkt. Aber Vorsicht – es kann komisch wirken, wenn Sie sich selbst interviewen.

Achten Sie auch darauf, dass Sie in den Augen einen Reflex haben. Das lässt die Augen und Sie lebendiger wirken.

Die Kleidung

Wenn Sie vor der Kamera stehen und die Automatik nutzen, sollten Sie auf grelle Kleidung verzichten. Denn ein weißes Hemd sorgt dafür, dass die Belichtungsautomatik abdunkelt. Selbst im Handbetrieb ist es schwierig, mit einem ganz weißen Hemd umzugehen, wenn direkt Licht darauf scheint. Weiß reflektiert so viel Licht, dass das Hemd ausfressen kann. „Ausfressen“ bedeutet, es sind keine Bildinformationen mehr vorhanden – das Hemd erscheint als strukturlose weiße Fläche – Falten, Knöpfe, Nähte sind nicht mehr zu erkennen. Je höher der Kontrast zur Umgebung ist, desto stärker wird das Problem für die Kameraautomatik.

Außerdem lenken helle und grelle Flächen vom Hauptblickpunkt des Bildes ab – das ist in der Regel Ihr Gesicht. Ist das deutlich dunkler als Ihre Kleidung, kann das den Zuschauer irritieren.

Also, wenn es geht, nehmen Sie etwas nicht ganz so helles. Aber Achtung: Schwarze Kleidung bringt ebenfalls Probleme für die Kameraautomatik. Die Automatik denkt dann nämlich „Oh, ist das dunkel“ und dreht die Belichtung auf. Das Resultat ist ein überstrahlter Kopf.

Gelb ist grell und lenkt vom Gesicht ab. Etwas dunklere Töne wären hier besser.
Gelb ist grell und lenkt vom Gesicht ab. Etwas dunklere Töne wären hier besser.

Also, nix schwarzes, nix weißes? Was dann?

Ein grauer oder blauer Pulli sehen gut aus. Überhaupt freue ich mich immer über gedeckte, pastellige Farben beim Dreh. Blautöne finde ich sehr schön, weil die noch einen guten Farbkontrast zum Hautton bilden. Über ein weißes Hemd würde ich zumindest einen Sakko ziehen.

Auch bei meinen Kleidungsvorschlägen gilt: „Nix is fix“. Falls Sie einen Interviewpartner im weißen Hemd haben, müssen Sie sich eben in der Belichtung danach richten. (In solchen Fällen versuche ich dann, eine Großaufnahme zu machen, bei der möglichst wenig vom Oberkörper und damit vom Hemd zu sehen ist.)

Falls Sie selbst einen Aufsager für Ihren Videocast machen möchten und gerade nichts anderes haben als den schwarzen Rollkragenpulli, dann nehmen Sie den. In beiden Fällen sollten Sie aber die Belichtung gut kontrollieren, um oben genannte Probleme zu vermeiden. Falls die Automatik gar nicht mehr weiter weiß, müssen Sie manuell nachregeln. Sobald Sie sich in Ihrem Kamerawissen weiter entwickeln, werden Sie ohnehin immer häufiger zum manuellen Modus greifen.

Die Sache mit dem Pfeffer- und Salz-Anzug und den Streifenmustern sollten wir noch kurz besprechen: Bei feinen Streifen besteht immer die Gefahr von Moiré-Bildung. Die Elektronik erzeugt dann komische Flimmermuster im Bild. Seit ich in HD drehe, ist mir dieses Problem noch nicht bei Kleidung untergekommen. Dennoch würde ich allzu kleinteilige Muster nicht unbedingt für den Dreh empfehlen.

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