Der Weißabgleich vor jedem Dreh

Der Weißabgleich wird gerne vergessen und ist doch so wichtig. In diesem Grundlagen-Beitrag zeige ich, warum der Weißabgleich notwendig ist und zeige, wie Sie ihn ausführen.

Ein Weißabgleich ist ein Muss vor jedem Dreh. Punkt. Eine Kamera arbeitet nicht wie unser Gehirn. Unser Gehirn erkennt eine weiße Wand als weiß, weil wir wissen, dass sie weiß ist. Aber eine Kamera hat nur einen dummen Sensor eingebaut. Der weiß erst einmal nichts von einem Weiß.

Ob die Kamera ein Weiß als solches wahrnimmt, hängt vom Umgebungslicht ab. Das Licht einer Halogenlampe leuchtet zum Beispiel rötlich. Das Tageslicht draußen hingegen ist bläulich. In der Sonne geht das Tageslicht wieder ein wenig mehr ins rötliche, im Schatten wird es dafür ziemlich blau.

Gemessen wird der Grad der Blauheit nicht in Promille, sondern in Kelvin. Die so genannte Farbtemperatur bezieht sich auf die Farbe, in der ein theoretischer schwarzer Körper bei der entsprechenden Temperatur brennt. Klingt sehr theoretisch.

Eine Gasflamme hilft, das Konzept zu verstehen: Je niedriger die Temperatur einer Gas-Flamme, desto roter ist das Licht. Nah beim Austrittspunkt des Gases ist die Flamme blau, weil sie sehr heiß ist. Weiter weg kühlt die Flamme ab und wird rötlicher. Von hier aus bauen wir die Eselsbrücke: Je röter das Licht, desto kühler die Farbtemperatur. Eine Halogen-Glühlampe hat in der Regel eine Farbtemperatur von 3.200 Kelvin. Das Licht zur Mittagszeit ist bläulicher und nach der Gasflammen-Analogie damit heißer. Es liegt bei etwa 5.600 Grad Kelvin. Unter Wolken können es auch über 6.000 oder 7.000 Kelvin sein. Wichtig: mit den Außentemperaturen hat das nichts zu tun. Die blaue Lichtfärbung hat mit unserer Atmosphäre zu tun. Wir sind ein blauer Planet!

Sobald Sie das mit den Farbtemperaturen verinnerlicht haben, komme ich noch auf „warmes“ und „kaltes“ Licht zu sprechen. „Warmes Licht“ ist tatsächlich solches mit einer geringeren Farbtemperatur, also Licht in Rot- und Gelbtönen. „Kaltes Licht“ hingegen ist eher blau – hat also eine höhere Farbtemperatur. Die Angaben „warm“ und „kalt“ beziehen sich also nicht auf die Kelvin-Gradangaben, sondern darauf, wie wir in unserem Kulturkreis die Farben empfinden – Orange ist eine warme Farbe, Blau eine kalte Farbe.

Grünes Licht

Als wäre das mit der Farbtemperatur nicht schon knifflig genug, gibt es noch ein anderes Problem: Neonlicht, Licht von Energiesparlampen oder von LED-Leuchten. Bei all diesen Leuchtmitteln hat das Licht je nach Qualität der Lampe einen deutlichen Stich ins Grüne. Und wenn auf Ihrer Film-Location viele Grünpflanzen sind, werden Sie ebenfalls einen Schuss ins Grüne bekommen. Schließlich reflektieren die Licht. Und sie sind grün. Sie müssen also nicht nur die korrekte Farbtemperatur einstellen, sondern auch dafür sorgen, dass ein möglicher Grünstich ausgeglichen wird.

Ein Schuss ins Grüne: Die umgebenden Pflanzen reflektieren grünes Licht in unseren Wintergarten
Ein Schuss ins Grüne: Die umgebenden Pflanzen reflektieren grünes Licht in unseren Wintergarten.

Der manuelle Weißabgleich berücksichtigt den Grünstich und gleicht auch den aus. Praktisch jede Kamera hat eine Funktion dafür – meist unter dem Kürzel „WB“. Der manuelle Weißabgleich funktioniert immer nach folgendem Schema: weiße oder graue Stelle suchen, Taste für den Weißabgleich drücken, fertig. Der Weißabgleich bleibt dann bis zur nächsten Änderung gespeichert. Deshalb ist es auch so wichtig, den Abgleich jedes Mal zu überprüfen. Denn wenn Sie erst in einem Innenraum mit Kunstlicht drehen und dann draußen, werden Sie ohne erneuten Abgleich einen heftigen Blaustich ernten.

Vorgefertigte Einstellungen

Viele Kameras haben vorgefertigte Weißabgleich-Einstellungen. Die sind nicht einmal so schlecht. Wenn es schnell gehen muss und keine passende weiße oder graue Fläche vorhanden ist, sollten Sie die Vorgaben verwenden. Die gibt es für Sonnenlicht, Kunstlicht, Neon, Schatten und so weiter.

Falsche Vorwahl: Wenn ich bei Tageslicht den Weißabgleich auf Kunstlicht stelle, bekomme ich einen Blaustich
Falsche Vorwahl: Wenn ich bei Tageslicht den Weißabgleich auf Kunstlicht stelle, bekomme ich einen Blaustich.
Richtig gewählt: Mit dem Sonnen-Symbol habe ich den richtigen Weißabgleich erwischt.
Richtig gewählt: Mit dem Sonnen-Symbol habe ich den richtigen Weißabgleich erwischt.

Keine Angst, leichte Farbabweichungen lassen sich nachträglich im Schnittprogramm oder in einem Farbkorrekturprogramm ausbessern. Wenn der Weißabgleich allerdings grob daneben liegt und wenn das Bild einen hohen Kontrastumfang hat, dann haben Sie ein Problem.

Erfahrungssache: Farbtemperatur vorwählen

Ein alt gedienter Kameramann hat mir neulich anvertraut: „ich mach gar keinen manuellen Weißabgleich mehr, ich stell mir die Farbtemperatur so ein“. Gute Idee. Inzwischen mache ich das auch häufig so. Und zwar nach folgendem Schema:

  • 3.200 Kelvin bei Innenräumen mit Halogenlicht oder bei Interview-Situationen, die ich mit meinen drei Halogen-Lampen selbst ausleuchte.
  • 4.200 Kelvin bei Mischlicht in Innenräumen. Ein Kollege meinte neulich „Vierzwei – bist immer dabei“. Eine gute Regel.
  • 5.600 Kelvin bei Außendrehs – wenn es arg bewölkt ist, auf 6.000 gehen.

Voraussetzung hierfür ist natürlich, dass man den Weißabgleich der Kamera frei einstellen kann. Viele Kameras haben anstatt der frei einstellbaren Farbtemperatur vorwählbare Symbole: Glühlampen für Kunstlicht, Wolken für bedeckten Himmel, eine Sonne für sonnigen Himmel.

Wann manuell abgleichen, wann vorwählen?

Aber wann mache ich den Weißabgleich manuell und wann wähle ich eine Farbtemperatur vor? Das ist Erfahrungssache. Nehmen wir als Beispiel eine Tagung, die ich tagsüber in einem Innenraum drehe. Innen sind ein paar Lampen an, durch die Fenster kommt Tageslicht. Hier fange ich gar nicht mehr damit an, irgendwie einen manuellen Weißabgleich zu suchen. Denn im Mischlicht wird zwei Meter weiter im Raum schon wieder eine andere Farbtemperatur herrschen. Hier halte ich mich an die Regel „Vierzwei – bist immer dabei“.

Vorsicht ist allerdings bei Innenräumen geboten, die mit Neonlicht oder LED beleuchtet werden. In praktisch allen Hotels und Tagungsräumen ist das der Fall. Hier nehme ich dann doch lieber einen manuellen Weißabgleich, damit ich mir keinen Grünstich einfange.

Sie sehen schon: Das ist Erfahrungssache. Ich empfehle für den Anfang, auf jeden Fall immer einen manuellen Weißabgleich zu machen – später mit mehr Erfahrung können Sie dann auch einen Wert von Hand wählen.

Bei mehreren Kameras vorwählen

Falls Sie mehrere Kameras parallel bei einem Dreh einsetzen, müssen die alle einen identischen Weißabgleich haben, sonst werden Sie in der Nachbearbeitung verrückt. Dafür machen Sie wahlweise einen manuellen Weißabgleich an der selben Stelle im Raum oder stellen die Farbtemperatur von Hand ein.

Falls Sie Material aus mehreren Kameras mit unterschiedlichem Weißabgleich zusammenschneiden,  müssen Sie nachträglich die Farben einander anpassen. Das kostet Zeit. Da sollten Sie lieber einen nicht  korrekten Weißabgleich in Kauf nehmen, der vielleicht auch zu einem Farbstich führt. Aber mit der gleichen, vorgewählten Farbtemperatur ist der Farbstich zumindest weitgehend identisch bei allen Kameras. (Leider gibt es je nach Kamerahersteller immer leichte Abweichungen.)

Manuellen Weißabgleich ausführen

Und wie kommt man nun zu einem manuellen Weißabgleich? Zunächst brauchen Sie eine weiße oder graue Fläche. Ich empfehle, im Kamerakoffer ein weißes Blatt Papier unterzubringen. Falls Sie beim Papier bleiben, darf das ruhig ein bissl knittern. Manche empfehlen sogar, das Papier zu knüllen, weil es dann das Licht aus mehreren Richtungen reflektiert. Alternativ gibt es im Zubehörhandel Weißkarten oder Graukarten – sogar faltbar und platzsparend.

Der Ort des Weißabgleichs sollte möglichst nah am wichtigsten Element des Bildes liegen. Wenn es um ein Interview geht, ist der Kopf des Interview-Partners für mich am wichtigsten. Denn so lange die Hautfarben gut aussehen, darf der Hintergrund ruhig einen leichten Stich haben. Also bitte ich jemanden, das Blatt Papier genau dort hochzuhalten, wo der Interview-Partner seinen Kopf hat. Dann lasse ich das Blatt noch ein wenig in Richtung der Hauptlichtquelle drehen.

Jetzt zoome ich auf das Blatt und drücke den für den manuellen Weißabgleich . Der liegt bei jeder Kamera an anderer Stelle – ein Blick in die Bedienungsanleitung hilft. (Mit meiner DSLR muss ich sogar erst ein Bild knipsen und dann damit den Weißabgleich bestimmen.)

Der manuelle Weißabgleich meiner Sony NX5e.
Der manuelle Weißabgleich meiner Sony NX5e.

Und was, wenn kein Blatt Papier da ist? Dann sehen Sie sich nach einer weißen Wand um, die etwa auf Höhe des Interviewten ist. Auch auf weiße Regale oder ähnliche Flächen können Sie einen Weißabgleich durchführen. Ebenso funktionieren graue Flächen – zum Beispiel Beton in Innenräumen.

Falls gar keine weißen oder grauen Flächen vorhanden sind, hilft nur schätzen oder die alte Regel „Vierzwei – bist immer dabei“. Allerdings kann es dann passieren, dass Sie später im Schnitt die Farbe korrigieren müssen.

LED-Leuchten und der Schuss ins Grüne

Oben hatte ich ja schon die LED-Leuchten erwähnt. Sie sind praktisch, keine Frage, leicht und energiesparend. Aber das Licht, das aus den LED-Lampen kommt, hat ein Problem: Es hat einen hohen Grünanteil. Selbst bei Lampen mit hoher Qualität, zum Beispiel von Dedo, ist das zu bemerken, wenn auch nur in geringem Ausmaß.

Ich habe eine Ledzilla von Dedo als Kopflicht und damit folgende Erfahrung gemacht: So lange ich mit der LED im Tageslichtmodus leuchte, ist das Problem nicht so schwerwiegend. Denn das blaue Tageslicht verträgt ein wenig Grün. Dann hat es einen leichten Schuss ins Cyan. Sobald ich aber den orangenen Kunstlichtfilter vor die Lampe klappe, der die Farbtemperatur auf 3200 Kelvin wandelt, habe ich ein Problem. Denn der Filter lässt warmes, orangefarbenes Licht durch. Mit dabei ist aber immer noch ein Grünanteil. Als Resultat bekomme ich gelbes Licht. Auf der Haut sieht das nicht besonders gesund aus.

Ich versuche daher immer die LED nur im Tageslichtmodus zu verwenden. Dazu muss natürlich auch das andere Licht passen. Wenn ich in Räumen mit warmen Halogenlicht unterwegs bin, muss ich wohl oder übel den Filter vorschalten – und dann im Schnitt die Farbe ein wenig korrigieren. Im Normalfall muss ich nur ein klein wenig Grün herausnehmen und das Bild passt.

LED-Lampen sind klasse. Aber jeder, der sie verwendet, sollte von dem leichten Schuss ins Grüne wissen und in der Post-Production gegebenenfalls gegensteuern.

Ein paar Beispiele

Viele Videos wirken unprofessionell, weil kein Weißabgleich vorgenommen wurde. Je nach Lichtquelle haben die Videos dann einen deutlichen Farbstich.

Neonlicht sorgt für einen grünen Stich, Kunstlicht von Glühbirnen für einen Rotstich, Tageslicht für einen Blaustich – wenn nicht jeweils der passende Weißabgleich vorgenommen wurde.

Nehmen wir als Beispiel ein Video des Hessischen Wahlkämpfers Thorsten Schäfer Gümbel:

Hier sehen wir einen deutlichen Grünstich. Die Wände im Hintergrund schimmern Grün, die Haut von Herrn Gümbel wirkt grünlich, fahl. Das sieht unnatürlich und fast ein wenig ungesund aus.

Dabei lässt sich das Problem mit dem Farbstich leicht vermeiden, wenn man einen Weißabgleich vornimmt. Das geht praktisch mit jeder Amateurkamera. In der Regel ist bei den Videokameras ein automatischer Weißabgleich eingestellt. Doch der versagt meist in Innenräumen.

Sehen Sie in der Anleitung Ihrer Kamera nach, wie sich der automatische Weißabgleich abstellen lässt. Dann schalten Sie ihn ab. Anschließend nehmen Sie ein weißes Blatt Papier und zoomen so weit darauf, dass es das gesamte Bild ausfüllt und führen den Weißabgleich aus. Danach wirken die Farben natürlicher und das Video deutlich professioneller.

Übrigens: Zur Not lässt sich ein Farbstich auch nachträglich in der Videoverarbeitungs-Software korrigieren. Allerdings leidet dann unter Umständen die Gesamtqualität des Videomaterials.

Drei Farben in einem Video

Hier habe ich noch ein hoch interessantes Video gefunden.

Hier sind schön unterteilt Kunstlicht (links), Neonlicht (Mitte) und Tageslicht (rechts) zu sehen.

Der Herr im Vordergrund ist mit Kunstlicht ausgeleuchtet, schätze ich, entsprechend war auch der Weißabgleich der Kamera auf Kunstlicht, irgendwo zwischen – sagmermal – 2800 und 3400 Kelvin.

Dementsprechend sieht der linke Bereich des Hintergrundes auch ok aus.

In der Mitte sehen wir typisches Neonlicht mit seinem Schuss ins Grüne, rechts dann strahlt das Tageslicht mit seinem hohen Blauanteil herein.

Ich finde das nicht schlecht so, zumal die Säulen und Fensterrahmen die drei Lichtbereiche auch noch super voneinander trennen.

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4 Gedanken zu “Der Weißabgleich vor jedem Dreh

  1. Super! Vielen Dank! Das ist der erste Artikel, der mir zu diesem Thema wirklich weitergeholfen hat. Verständlich in der Theorie und hilfreich zur Umsetzung. Danke!

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